Abzug aus Bonn und Köln

Rheinufer Köln
Rheinufer Köln

[Rheinprovinz, Anfang 1926]

Der Dawes-Plan und die Locarno-Verträge standen für eine Verständigung mit den Alliierten; die Verständigungspolitik kam nun auch den Menschen in den besetzten Gebieten zu gute. Das Ruhrgebiet, die Kölner Zone und auch Bonn wurden geräumt.

Am Rheinufer in Bonn

Nach fünf Jahren Besatzung würden die französischen Truppen zum Ende Januar abziehen. An einem Januartag gingen Kathi und Max mit ihren beiden Kindern am Bonner Rheinufer entlang. Überall war viel Betrieb. Sie waren glücklich, dass große Teile ihrer Heimat nun nicht mehr besetzt waren, endlich schien auch der „Krieg nach dem Krieg“ vorbei. Vielleicht konnte nun endlich Frieden sein auf beiden Ufern des Rheins.

Es war kalt, und Robert trug eines von Helenes Mäntelchen aus Uniformstoff. Sie waren „unkaputtbar“ und daher so kostbar, das man sie von Kind zu Kind weitergab. Voller Dankbarkeit schaute Kathi auf ihren Sohn, der warm eingehüllt in sein Mäntelchen Schneeflocken fangen wollte. „Ich wünschte so sehr, dass Chiara und ihre Familie jetzt hier bei uns wären und sehen könnten, dass es endlich wieder aufwärts geht“, sagte sie.

Befreiungsfeier in Köln

Am 31. Januar fand eine große „Befreiungsfeier“ statt. Max, der in Köln zur Schule gegangen war, wollte unbedingt dabei sein. Er wusste ja, wie es gewesen war: Anfangs waren die Kölner den Besatzungstruppen mit äußerster Ablehnung begegnet, doch nach und nach hatte sich das Verhältnis entspannt, man schätzte das korrekte Verhalten der Briten, ganz besonders angesichts des brutalen Vorgehens der Franzosen im Verlauf des Ruhrkampfes 1923. Nun schied man in gegenseitigem Respekt.

Ganz Köln war festlich erleuchtet. Um Mitternacht sprach Oberbürgermeister Konrad Adenauer. „Wir wollen gerecht sein, trotz allem, was uns widerfahren ist“, sagte er, „Wir wollen anerkennen, dass der geschiedene Gegner auf politische Gebiet gerechtes Spiel hat walten lassen.“

Doch eines schien gar nicht zu der Feier zu passen: Die Truppen des Stahlhelms, die mit Flaggen und Sturmriemen dabei waren. Der Wehrverband „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ bestand seit 1918, er galt als bewaffneter Arm der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und wurde aus diesen Kreisen finanziert. Ehemaligen Frontsoldaten jüdischen Glaubens wollte man nicht dabei haben.

Und während die Menschen den Reichspräsidenten hoch leben ließen, kamen bei Max auch schlimme Erinnerungen hoch an das brutale Vorgehen der republikfeindlichen Freiscorps gegen aufständische Arbeiter in den ersten Jahren der Republik. Auch im Stahlhelm hasste man das „Weimarer System“. Man verstand sich als Soldaten der Reserve für Reichswehr. Hier suchte man nicht den Ausgleich mit den Nachbarn, hier trachtete man nach Revanche. Dem standen die Republikaner bei den Sozialdemokraten und den Parteien der Mitte, ja die republikanische Staatsform selbst standen dem im Weg. Der Stahlhelm bekämpfte sie. Und Reichspräsident Hindenburg war auch noch Ehrenmitglied.

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